Aus gutem Grund diskutiert dieser Blog grundsätzlich keine Einzeltitel von Aktien. In diesem Beitrag mache ich eine Ausnahme. Die Credit Suisse Group (CS) ist ein Beispiel, wie viel ein langfristig orientierter Anleger mit der falschen Einzeltitelwahl verlieren kann. Seit der Finanzkrise oder spätestens mit dem Jahr 2009 ging der Aktienkurs der CS kontinuierlich nach unten während sich der Swiss Market Index (SMI) in Richtung seines Allzeithochs bewegte.

CS SMI Vergleich von 01.01.2000-16.06.2016

Im Februar 2011 war so ziemlich der letzte Zeitpunkt um sich von der Aktie der CS zu trennen. Damals wurde letztmalig ein Gewinn von über 5 Milliarden bekannt gegeben. Was ist schiefgelaufen?

Der Auf- und Abstieg der europäischen Finanzinstitute

Bis wenige Jahre vor der Jahrtausendwende war die Investition in ein Finanzinstitut eher langweilig. Danach kann der steile Aufstieg der Geldhäuser mit ansteigenden Jahresgewinnen bis zum Wendepunkt im Jahre 2008, siehe STOXX® Europe 600 Banks:

Stoxx Europe 600 Bank von 1987 - 2016
Quelle: STOXX® Europe 600 Banks

Mit minimaler Kapitaldecke maximale Rendite einfahren war die Strategie vieler Grossbanken. Bei der CS funktionierte dieses teilweise bis zwei Jahre nach der Finanzkrise von 2008. Danach viel der Reingewinn bei der CS dramatisch:

CS Reingewinn 2009-2015

Seither ist die Regulierung verstärkt worden und in der Folge reduzieren viele Finanzinstitute in Europa ihre Bilanzen. Damit verringern sich die Chancen auf Erträge, wobei sich die Kosten nicht im gleichen Masse reduzierten.

Die Investoren sind nach der Finanzkrise misstrauischer geworden und verlangen heute mehr Information und Transparenz. Kommt hinzu das in Europa das Geschäft mit den unversteuerten Vermögen durch Regulierungen ziemlich ausgehöhlt wurde. Zusätzlich mussten die Banken über die letzten Jahre teils saftige Strafzahlungen für ihre Vergehen in der Vergangenheit bezahlen.

Spitzenlöhne, Kapitalerhöhungen und Risikoreduzierung

In bin der Meinung, dass die Mitarbeiter erstklassig bezahlt werden. Dieser Devise wird die CS mit einem Durchschnittslohn von CHF 226'000 im Jahr 2015 sicherlich gerecht. Natürlich gibt es darunter ein paar Prozente der Mitarbeiter die eine oder mehrere Millionen erhalten. Die Vergütung von Brady Dougan ist bis auf das verlustreiche Jahr 2015 auch bekannt, wobei er damals im Juni ausschied. Überdies wurde Ende März 2010 verkündet, dass Dougan zur Vergütung von 19.2 Mio. zusätzlich ein 70.9 Mio. Franken Bonus erhielt.

Dougan Vergütung 2009 - 2015

Wenn etwas bei der CS missglückt, so wird bei ihren Aktionären die hohle Hand gemacht. Im 2012 und 2015 gab es bei der CS Kapitalerhöhungen. Damit sank der Gewinn pro Aktie von über 5 Franken im Jahr 2009 auf unter einem.

CS Gewinn pro Aktie 2009 - 2015

Alle Jahre im Februar

Im Folgenden finde ich es interessant wie Brady Dougan bzw. Tidjane Thiam das vergangene Geschäftsjahr kommentierten. Offensichtlich lässt sich aus diesen Statements nicht die Zukunft ableiten.

Geschäftsjahr 2010

Im 2010 war Brady Dougan noch sehr überzeugt von seinem Business Modell. Der damalige Reingewinn lag noch über 5 Milliarden und dies ergab eine Eigenkapitalrendite von 15%. Er brüstet sich mit der angeblich wenig risikoreichen Strategie:


Quelle: NZZ Impluse, 10.02.2011: Brady Dougan, CEO der Credit Suisse "Unser Modell ist durchaus glaubwürdig"

Geschäftsjahr 2011

Im 2011 gab es einen gewaltigen Gewinneinbruch von 62% gegenüber dem Vorjahr. Der CS-Chef Dougan war sehr enttäuscht. Leider erwähnte er nicht, dass dieser Jahresgewinn von 2 Milliarden eher der Zukunft entsprach als die 5 Milliarden aus dem Vorjahr. Erstmals spricht er von der Reduzierung der Kosten und Risiken:


Quelle: SRF, Tagesschau vom 9.02.2012 - Credit Suisse mit Gewinneinbusse

Geschäftsjahr 2012

Der Gewinn reduzierte sich gegenüber dem Vorjahr nochmals. Brady Dougan sprach von einem Umbau ihres Geschäftsmodells. Scheinbar war die gelobte Strategie aus dem Jahr 2010 doch nicht zukunftsfähig:


Quelle: SRF, Tagesschau vom 7.02.2013 - Credit Suisse mit schwarzen Zahlen im 2012

Geschäftsjahr 2013

Brady Dougan war 2013 mit der Kapitalrendite von 9 % zufrieden, der Gewinn stieg wieder auf über 3 Milliarden. Leider wurde dieser anfänglich mitgeteilter Jahresgewinn circa 2 Monate später von 3'069 Mrd. auf 2'326 Mrd. nach unten korrigiert:


Quelle: SRF, SF-Börse, 6.02.2014: Credit Suisse-Chef Brady Dougan ist zufrieden mit dem Geschäftsjahr 2013

Geschäftsjahr 2014

Obwohl sich der Gewinn zum Vorjahr auf 1'785 Millionen reduzierte, war Dougan darüber erfreut:


Quelle: SRF-Börse vom 12.02.2015

Geschäftsjahr 2015

Im 2015 wurde die CS von der Vergangenheit eingeholt. Offensichtlich hat Supermanager Brady Dougan über Jahre hinweg die Altlasten vor sich hingeschoben. Wobei er natürlich nicht der Alleinschuldige ist, es gäbe dazu viele Namen wie beispielsweise die Verwaltungsratspräsidente Walter Kieholz, Hans-Ulrich Doerig und Urs Rohner. Im Jahr 2000 wurde für knapp CHF 20 Milliarden die Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ) eingekauft. Mit dem Jahresabschluss wurde der Goodwill auf diesem Posten um 3.8 Milliarden abgeschrieben:


Quelle: SRF-Tagesschau vom 4.2.2016 - CS macht Milliarden-Verlust

Fazit

Für die Strategie »Kaufen und halten« waren Aktien der schweizerischen Grossbanken eine schlechte Wahl. Wer 1998 in die Finanzriesen investierte, hätte die Hälfte und mehr des Geldes verloren. Beide Banken erwarben im Jahre 2000 eine US-Investmentbank und folgten danach einer risikobehafteten Strategie.

Aus meiner Sicht verbreitete der CS-Chef Dougan ab dem Jahr 2012 sehr viele Durchhalteparolen, er war nicht bereit für eine Strategieumkehr. Für die Aktionäre war aufgrund seiner optimistischen Kommunikation nicht sofort offensichtlich, dass die fetten Jahre der Vergangenheit angehörten.

Ein Kleinanleger mit nur ein paar Einzeltitel in seinem Portfolio, war längerfristig mit den zwei schweizerischen Grossbanken schlecht beraten. Ich habe schon einige Bedenken beim Kauf eines ETF auf den SMI oder den Swiss Performance Index (SPI). Bei Ersteren dominieren die Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis über 60 % des Index, bei Zweiterem immerhin noch etwa 50 %. Eine Alternative dazu ist der Swiss Leader Index (SLI). Bei diesem beträgt die maximale Gewichtung 9 % an der Gesamtgewichtung.

Gemäss Richard Forster von der Yale School of Managment hat sich die durchschnittliche Lebensspanne von Unternehmen im Standard & Poor’s 500 (S&P) Börsenindex von 67 in den 1920ern auf etwa 15 Jahre in den 2010ern Jahren reduziert. Wobei die meisten Firmen durch Übernahmen oder Fusionen sterben. Zudem ist die Lebensdauer sehr kulturabhängig, in Japan ist die Mortalitätsrate der Unternehmen viel geringer. Dies macht deutlich, dass die Wahl eines zukünftig erfolgreichen Einzeltitels sehr schwierig ist. Natürlich kann der Aktionär oftmals von Kursgewinnen am übernommen Unternehmen profitieren.

Einen weiteren Teil zum Thema CHF wollte ich schon Ende Dezember schreiben. Durch die Ereignisse der letzen Woche musste ich diesen Beitrag ändern bzw. ergänzen. Seitdem hat der Titel dieser Serie fast wieder seine uneingeschränkte Berechtigung.
Letzte Woche wurden sicherlich die meisten von der Aufgabe des Euro-Franken-Mindestkurses überrascht. Anderseits wurde seit circa einem Monat die SNB-Politik des Mindestkurses teilweise kritisiert. Offensichtlich getrieben durch den Anstieg des USD gab es erneut Vorschläge das Regime eines Mindestkurses an einen Währungskorb zu binden oder den Mindestkurs zu reduzieren. In den Schweizer Medien häuften sich die Schlagzeilen über den scheinbar schwachen EURO.

War der EURO wirklich so schwach?

Ende Dezember und Anfangs Januar waren in der Schweiz die Schlagzeilen fast täglich vom angeblich schwächelnden Euro geprägt. Dabei vereinfachten unsere US-amerikanisch gerichteten Medien einmal mehr, indem sie sich bei ihrer Bewertung ausschliesslich am USD orientierten.


Quelle: SRF, Rendez-Vous vom 5.01.2015 - Anhaltendes Euro-Tief

Im folgenden Chart ist der CHF-Kursverlauf, vor dem 14.01.2015, zu einigen wichtigen Währungen während eines halben Jahres abgebildet:

CHF Währungsvergleich 6 Monate bis 14.01.2015
Quelle: Google Finance

Daraus ist erkennbar, dass vorwiegend der USD gegenüber dem EUR zulegte. Andere Währungen wie beispielsweise die norwegische und schwedische Krone haben sogar einige Prozente eingebüsst. Die Entscheidung für den Ausstieg aus dem Euro-Mindestkurs lässt sich bis am 14.01.2015 kaum nur mit dem Erstarken des USD begründen.

SNB kündigt Negativzins auf Giroguthaben an

Im Dezember startete eine weitere Periode mit dem Erstarken des USD. Teilweise verursacht durch die Zuspitzung der Krise in Russland. Diese Unsicherheit an den Finanzmärkten führte zu einem Aufwertungsdruck des CHF. Daher kündete der SNB-Präsident am 18.12.2014 einen Negativzins auf Giroguthaben ab 22.01.2015 an:


Quelle: SRF vom 18.12.2014 - Nationalbank-Präsident Thomas Jordan an der Medienkonferenz

Allein im Dezember 2014 haben die Devisenstände der SNB um CHF 32.4 Milliarden auf CHF 495.1 Milliarden zugenommen. Hierzu ein kleines Rechenbeispiel um sich der Devisenreserve zu vergegenwärtigen. Die Schweiz hat circa 8.1 Millionen Einwohner, würde die SNB ihre Devisenreserve unter dem Volk aufteilen, so ergäbe dies einen Betrag von über CHF 60‘000 pro Kopf. Die gesamte Bilanzsumme der SNB näherte sich zusehends dem schweizerischen Bruttoinlandsprodukt von circa CHF 600 Milliarden. Die US-Zentralbank (Fed) wurde oft kritisiert für ihre Gelddruckerei, jedoch beträgt deren Bilanz circa USD 4.5 Billionen bei einem BIP von circa USD 16.8 Billionen. Natürlich hinkt dieser Vergleich, die Fed kaufte amerikanische Staatsschulden auf, währenddessen die SNB das Geld für Fremdwährungskäufe druckte.

Schneider-Ammann und seine Einschätzung im 2011 zu Negativzins

Schon im Jahre 2011 wurde der Negativzins vor der Einführung der Kursuntergrenze diskutiert. Damals äusserte sich Bundesrat Schneider-Ammann sehr distanziert zu dieser Massnahme. Offensichtlich hat die Direktion der SNB bezüglich der positiven Wirkungsweise dieses Instruments eine andere Einschätzung als Wirtschaftsminister Schneider-Ammann:


Quelle: SRF, Samstagsrundschau vom 6.08.2011 - Schneider-Ammann: «Keine Negativ-Zinsen»
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Die Beiträge dieses Blog beinhalten ein dauerndes Ringen mit der Desinformation der Analysten, Konjunkturforschern und anderen direkten bzw. indirekten Profiteuren der Umsätze sowie Margen der Finanzindustrie. Wobei die Medien jede kritische Distanz zu den Experten und Marktkommentatoren längst verloren haben, da sie selbst um die Gunst des Publikums kämpfen. Die Symbiose zwischen Analysten und Medien mündet in einer Berichterstattung des emotionalen Auf und Ab, dabei spielen sie gekonnt die Klaviatur der Gier und Angst.

Natürlich werden hier auch Informationen für das einfache Investieren vermittelt. Glücklicherweise finden sich im Internet auch nützliche Informationsquellen jenseits der oberflächlichen Dramatisierung des Marktgeschehens. Daher starten wir zuerst mit den nützlichen Informationen.

Nützliche Information

Neulich bin ich auf die folgende Webseite gestossen:

fintool-logo_0

Fintool hat sehr aufschlussreiche Videos - sehr sehenswert!

Börsenstimmung und Prognosen gleich Desinformation

Kaum kommt es zu Kursverlusten an der Aktienbörse, findet inflationär das Schlagwort Eurokrise wieder in die Headlines der Medien. Die Medien sind zum dümmlichen Sprachrohr der Analysten und Konjunkturforscher verkommen.

SPI TR vom 03.01.2014 bis 29.01.2014
Quelle: SPI bei der SWX

Wenn die Volatilität und Dramatik an den Finanzmärkten zwischendurch abklingt, so füllen die Finanzblätter ihre Lücken mit fragwürdigen Aussagen über Anlagestrategien. Dabei bilden die Medien, Analysten und Konjunkturforscher eine Zweckgesellschaft die eine nicht prognostizierbare Zukunft scheinbar zu jedem Preis inszenieren muss.

Panagiotis Spiliopoulos leidet weiterhin an Selbstüberschätzung

Wen die Banken mit ihren Analysten die Kundschaft zu mehr Aktivismus bewegt, schlägt sich dies positiv auf ihrem Profit nieder. Mit ihren Prognosen hinterlassen sie zudem den trügerischen Eindruck, sie könnten die Zukunft voraussehen und hätten dadurch einen Informationsvorsprung. Seit ein paar Jahren wissen wir es definitiv, dass das teilweise unter Druck stehende Bankenpersonal um des Profitstrebens nicht vor Lügen und Betrug zurückschreckt. Einer dieser Personen ist der unbelehrbare Herr Panagiotis Spiliopoulos. In meinem Blog finden sich genügend Fehlprognosen dieses Herrn. Es hindert in nicht daran, weiter fragwürdige Aussagen zu tätigen:


Quelle: FUW vom 4.09.2014 - Buy-and-Hold-Strategie hat ausgedient, Panagiotis Spiliopoulos
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Diesmal erfolgt der Rückblick auf die Prognosen der Analysten für das 2012 ziemlich spät, jedoch ändert nichts an der Tatsache, dass die Mehrheit der Finanzspezialisten weit daneben lagen. Entgegen den Voraussagen war das 2012 für die Aktienbesitzer ein sehr erfreuliches Jahr.

Börsenerfolg zu 90 Prozent Glück

Rolf Dobelli und Konrad Hummler äussern sich über das Glück des Börsenerfolges:

Quelle: Bilanz Standpunkte vom 24.03.2013 - Die grössten Denkfehler in der Wirtschaft

Der ehemalige Banker Hummer bejaht, dass die Finanzindustrie mit dem Anpreisen ihrer Expertisen betreffend Vorhersagen nicht ehrlich ist. Zudem bestätigen beide Herren, dass der Börsenerfolg vom Glück bestimmt wird.

Devisenkurse und Währungsabwertungen

Der JPY gab im 2012 deutlich ab, dies fand seine Fortsetzung im 2013:

Währungspaar Wechselkurs 31.12.2012 Kursänderung im 2012
EUR/CHF 1.2072 -0.9
USD/CHF 0.9126 -2.9%
JPY/CHF 1.0617 -12.3%

Die IMF-Chefin Christine Lagarde lobpreist die Notenbankpolitik:


Quelle: SRF Trend vom 20.04.2013 - Christine Lagarde

Einige Experten befürchten ein Wettrennen der Regierungen und Zentralbanken um die Abwertungen ihrer Währungen. Ich finde in diesem Zusammenhang die skeptische Äusserungen von Oswald Grübel gegenüber Währungsabwertungen erwähnenswert.

Anleihen

Die Zentralbanken kaufen noch immer Anleihen, insbesondere die US-Notenbank Fed. Mit dieser lockern Geldpolitik steigen die Aktien- und Immobilienpreise. Der dadurch künstlich erzeugte Wohlstand soll letztendlich das Konsumverhalten der Wirtschaftssubjekte ankurbeln.

Index Währung Netto Rendite 2012 Netto Rendite 2011
SBI Domectic Goverment 3-7 CHF 1.2% 5.7%
Markit iBoxx EUR Sovereigns 3-7 EUR 9.3% 3.3%
Markit iBoxx Euro Sovereigns Inflation-Linked Index EUR 16.8% -0.7%
Markit iBoxx US Treasuries 3-7 USD 2.1% 8.4%
J.P. Morgan Emerging Markets Bond Fund Global Core Index USD 18.6% 8.0%

Die Anleihen der europäischen „Krisenländer“ erholten sich im 2012 und legten teilweise über 20% zu. Im Durchschnitt aller Euroländer und über alle Laufzeiten gerechnet, beträgt der Jahresertrag mit Staatsanleihen circa 11 Prozent. Konnten die Schweizer Anleihen im Jahr 2011 den Anleger noch erfreuten, schmelzen im letzten Jahr die Erträge dahin. Viel Anziehungskraft hatten die Anleihen des Emerging Markets, zahlen diese doch noch höhere Zinsen. Wobei auch in diesen Ländern in der näheren Zukunft nicht mehr mit Erträgen von 15 % und mehr gerechnet werden kann.
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Die Echtzeit-Berichterstattung von SRF ist kaum nachhaltig insbesondere bei den Börsenmeldungen.

Die Nachhaltigkeit des Wirtschaftsjournalismus tendiert gegen Null

Seit dem Jahre 2010 veröffentlicht der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich ein Jahrbuch über die Qualität der Medien. Einer der Mitautoren ist der Medienwissenschaftler Kurt Imhof, hierzu ein Ausschnitt seiner Kritik an der Wirtschaftsberichterstattung:


Quelle: SRF Trend vom 23.10.2010 - Kurt Imhof: Wirtschaftsjournalismus in der Krise?

SRF bestätigt leider Herr Imhofs Darstellungen, allzu oft verfolgt das SRF das Geschehn im Rhythmus der Aktienkurse. Hierzu drei Beispiele aus einer Vielzahl von einer angeblich plausiblen Bewertung eines Ereignisses durch die Finanzmärkte. Dabei orientiert sich die Berichterstattung von SRF meistens an den Tageskursen von Aktien – die Medien sind sehr kurzatmig geworden.

Finanzmärkte und die oberflächliche Wirtschaftsredaktion von SRF

Für die Überhöhung eines Themas vergreift sich die Wirtschaftsredaktion von SRF gerne bei den Tageskursen der Finanzmärkte.

Fernsehen SRF und Aktienkurse

Ich schaue nur noch sehr selten die Tagesschau oder 10vor10 der Schweizer Fernsehen. Ich kann mich wenig anfreunden mit den auf Show ausgelegten Nachrichtensendungen. In diesen Nachrichtenmagazinen werden gewisse Ereignisse öfters von sogenannten internen oder externen Experten aufgrund von spekulativen Informationen oberflächlich bewertet. Gerade das tägliche Auf und Ab an den Finanzmärkten, bevorzugt der Aktienmärkte, wird völlig missbräuchlich angewendet:


Quelle: SRF, 10vor10 vom 26.02.2013 - Chaos-Wahlen in Italien

Am 24. und 25. Februar 2013 wählten die Italiener die beiden Kammern ihres Parlamentes neu. Die dabei entstandenen unklaren Mehrheitsverhältnisse erschweren die Regierungsbildung. Das 10vor10 missbraucht den Tageskurs des Deutschen Aktienindex DAX vom 26.02.2013 für die Wertung des Wahlergebnisses in Italien.

Dax MIB 26.02.2013

Wird der DAX über den Zeitraum von circa einem Monat um den 26.02.2013 betrachtet, so ist keine negative oder positive Auswirkung der Wahlergebnisse von Italien auf den DAX ersichtlich. Die Kausalität des Wahlergebnisses auf den italienische Leitindex FTSE MIB trifft sicherlich zu. Leider ist SRF diesbezüglich nicht lernfähig und überbewertet die kurzfristige Preisbildung an den Finanzmärkten in ihrer Berichterstattung. Das Radio von SRF ist nicht besser, hiezu das nächste Beispiel.
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Als ich am 5.09.2011 den ersten Beitrag diese Serie schrieb, hiess der damalige Titel "Der Schweizer Franken, die Zockerwährung schlechthin". Nur einen Tag nach dieser Abhandlung wurde der Mindestkurs des CHF zum EUR eingeführt, daher setze ich den heutigen Titel für diesen zweiten Teil in die Vergangenheit.

Je höher der finanzielle Stress im Euroraum und der Zunahme der Exponierung der Nationalbank (SNB) in deren Währung je mehr präsentieren uns die Medien angebliche Experten mit ihren Voraussagen über die Auswirkungen dieses Mindestkurses auf die Zukunft. Geschickter sind teilweise die Politiker, diese reagieren innerhalb von wenigen Monaten mit 180-Grad-Kehrwenden, diese sind sich anscheinend um die Schnelligkeit im Vergessen ihrer Wählerschaft sehr bewusst.

Ich halte mich in diesem Beitrag mit Beurteilung bezüglich der Zweckmässigkeit dieses Mindestkurses zurück, vielmehr sollte es dem Leser einige Anregung zum Nachdenken geben. Übrigens habe ich im Beitrag "Der Sinneswandel bei Blocher, Schiltknecht und Weltwoche" kurz die Problematik der Währungsspekulation mit dem CHF angeschnitten.

Das fragile Geldsystem

Täglich "rennen" wir mehr oder weniger stark dem Geld nach, denn unserer persönlicher Status orientiert sich in dieser Konsumwelt sehr am materiellen Wohlstand. Auch unser alltägliches Leben wird von der ökonomischen Sicht dominiert. In den Nachrichten kommt beispielsweise kurz nach der Bekanntgabe einer Katastrophe sofort eine finanzielle Einschätzung des Schadens. Noch teilweise vor den Nachrichten kommt die Präsentation der Aktienkurse als scheinbares Fieberthermometer der Weltwirtschaft. Wählen die Griechen eine neue Regierung, wird am Morgen danach die Wahl nach dem Börsenverlauf der asiatischen Finanzmärkte beurteilt. Gesellschaftlich wünschenswerte Projekte werden aufgrund der Kostenschätzung frühzeitig beerdigt. Das Geld, die Finanzmärkte und einige fragliche statistische Daten haben einen immensen direkten bzw. indirekten Einfluss auf unser Alltagsleben. Erstaunlicherweise basiert all dies auf einem fragilen Geldsystem, das seinerseits auf Vertrauen baut:


Quelle: ZDF heute journal vom 15.08.2011 - Glauben gibt dem Geld den Wert

In der obligatorischen Grundschule lernen wir kaum etwas über Ökonomie und unser Geldsystem. Vielleicht ist dies aber Absicht. Was sagte einst Henry Ford:

Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh.

Der Untergangsmaler

Noch im August 2008 musste man für einen Euro mehr als CHF 1.60 in die Hand nehmen. Ich wäre wahrscheinlich damals für verrückt erklärt worden, wenn ich behauptete, dass in den Jahren 2011 und 2012 der Euro im Durchschnitt circa 25% weniger kosten würde. Ich hätte mir Untergangsszenarien der schweizerischen Exportwirtschaft anhören müssen.

Es ist immer wieder verblüffend, dass wir uns an unausweichlichen Gegebenheiten schneller anpassen, als wir uns zuvor je vorstellen konnten. Wahrscheinlich würde mir Bundesrat Schneider-Ammann zustimmen.

Der Schwarzmaler Bundesrat Schneider-Ammann

Als Präsident der Swissmem lamentierte Schneider-Ammann regelmässig über den starken Franken und dies bei einem Wechselkurs von noch über 1.40.


Quelle: DRS1 vom 6.05.2010 - Johann Schneider-Ammann, 1 Euro kostet nur noch 1.40 Franken

Heute als Bundesrat gibt sich Johann Schneider-Ammann mit dem Euro-Mindestkurs von CHF 1.20 zufrieden:

Quelle: DRS1 vom 26.05.2012 - Bundesrat Schneider-Ammann, zufrieden mit Mindestkurs
Seit dieser Festsetzung fühlt sich der Wirtschaftsminister und damit Politik nicht mehr in der Verantwortung, nach möglichen Alternativen zu diesem Mindestkurs neben der Geldpolitik zu suchen. Beispielsweise ist der Druck auf die Importeure für die Weitergabe der Währungsgewinne abgeklungen.
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